BERLIN

Vlad Yurashko

ANONYMOUS. THE RIGHT TO REMEMBER

21.10. – 17.12.2022

Überlagerte Fotos aus einem Familienalbum auf Straßenkarten von Google Maps, von Poltawa nach Banska Bystrica, wohin meine Mutter und meine Schwester innerhalb von sieben Tagen nach dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine reisten, dienten als Anstoß für die Entstehung dieser Ausstellung.

Vor dem Hintergrund der Kriegssituation, verstehe ich die Darstellung und Übertragung zumindest einer kleinen Geschichte einer gewöhnlichen ukrainischen Familie auf die Leinwand und in den Ausstellungsraum, als einen Akt der Entkolonialisierung, der Befreiung vom russischen Imperium und seinen neuen kolonialen Plänen für die Ukraine. Meine Aufgabe als Künstler ist es, das Bild der individuellen Geschichte vor dem Hintergrund der öffentlichen Geschichte für die Zukunft zu bewahren und die Idee zu vermitteln, dass die Wahrheit sowie das Recht auf Geschichte und Erinnerung allen gehört und nicht nur einem Tyrannen.

Die Entkolonialisierung bringt Optimismus und Hoffnung auf die jahrhundertelang ersehnte Freiheit und Unabhängigkeit, aber gleichzeitig droht auch die Vernichtung, nicht nur von Menschen mit Waffen, die für diese Unabhängigkeit kämpfen, sondern auch von dokumentarischen Zeugnissen der Existenz eines einfachen Menschen oder seiner Familie.

Als meine Mutter und meine Schwester die Slowakei sicher erreichten, erinnerte ich mich an die Fotos, die in der Wohnung meiner Mutter in Poltawa verblieben waren, wo ein Marschflugkörper, eine Granate oder eine Bombe jederzeit einschlagen kann. Und wenn alle Familienfotos durch die Zerstörung des Hauses verschwinden, werden auch die Dokumente und Beweise für die reale Existenz meiner Familie verschwinden.

In einem Dokumentarfilm sagt Gerhard Richter, dass das Foto, dass wir sehen, eine optische Falle ist. Wir wissen nicht oder haben nicht einmal eine Ahnung, was sich links oder rechts vom Rand des Bildes befand, das wir auf dem Foto sehen. Unser Familienalbum enthält Fotos, die Vitaly Litovka, mein Stiefvater, 1976 während unserer Reise auf die Krim aufgenommen hat. In den meisten Fällen handelt es sich um paarweise Aufnahmen einer touristischen Reise, eine junge Frau unter einer Zypresse, Jungen auf einem Boot, dieselbe Frau vor der Kulisse von Bergen, Meer oder Strand. Aber alle diese Fotos sind Bildpaare. Auf dem ersten Bild scheint die Handlung in Vorbereitung zu sein, die Figuren sind oft in Bewegung. Auf dem zweiten Bild sehen die Figuren manchmal langweiliger aus als auf dem ersten Bild, es ist nun ein banales Erinnerungsfoto, auf dem alle Figuren in statischen Posen zu sehen sind.

Aber wenn man beide Bilder nebeneinander stellt, sieht man die erweiterten Möglichkeiten der optischen Falle, von der Richter gesprochen hat. Da wir zwischen den Aufnahmen nicht nur die Bewegung der Zeit, sondern auch die Figuren und den Fotografen beobachten können, sehen wir zusätzliche Details am Rande des Geschehens. Der Kunsthistoriker Jerry Saltz sagt, dass Gemälde die Zeit in ihrer Oberfläche eingeschlossen haben. Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sind in den gepaarten Bildern eingeschlossen und befinden sich in der Schwebe vor dem Betrachter. Und wenn wir von Zeit sprechen, dann bewegt sie sich hier viel langsamer als zwischen sonstigen festgehaltenen Ereignissen, in einer Geschwindigkeit, die der Betrachter selbst bestimmt.

Wenn wir vor der existenziellen Entscheidung stehen, welchen Platz wir in einer radikal veränderten Welt einnehmen wollen, dann helfen uns unsere Verwandten in unserem Familienalbum. Sie schauen uns Jahrzehnte später an und sagen uns, dass wir keine Angst haben sollten, diese Wahl zu treffen. Ob gut oder schlecht, es gibt einen Weg. Und die Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden, wird uns als Betrachter ihrer Geschichte gegeben.

Sign up for our newsletter